UNVERPACKT EINKAUFEN IN BERLIN

UNVERPACKT EINKAUFEN IN BERLIN

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Es ist Dienstag,

10:30 Uhr in Berlin Kreuzberg. Die Menschen drängeln sich die Treppe an der U1 entlang, jeder will schnell wieder ins Warme, es ist eisig kalt und ich sehe meinen Atem gegen die Sonne. Ich bin unterwegs zu Original Unverpackt, einem Laden, in dem man seine Lebensmittel und unter anderem auch Kosmetika, Haushaltswaren und vieles mehr ohne Verpackung einkaufen kann. Noch ist der Laden geschlossen. Das Gitter geht auf und vor mir steht Ria, die mir vor zwei Wochen netterweise per Mail für das heutige Interview zugesagt hat.

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Wer bist du und was was ist deine Aufgabe bei Original Unverpackt?

Ich bin Ria und kümmere mich um das Marketing und den Kundenservice von Original Unverpackt.

Warum und wann wurde der Laden von Milena Glimbovski gegründet?

Den Laden gibt es jetzt seit viereinhalb Jahren. Milena hat schon immer versucht, nachhaltig zu leben: ist Zug gefahren statt geflogen, geduscht statt gebadet und trotzdem, beim einkaufen - mittlerweile ist es nicht mehr so, aber - vor sechs Jahren konnte man nicht einkaufen ohne jedes mal einen riesigen Berg Müll zu fabrizieren, das war einfach nicht möglich. Man kannte nachhaltiges Leben aber beim Einkaufen ging es scheinbar nicht. Das hat sie geärgert. An einem Abend hat sie mit einer Freundin gekocht, dafür zusammen eingekauft und die Menge an Müll war größer als das Abendessen. Daraufhin hatte sie die Nase voll, beschloss etwas dagegen zu unternehmen und eine nachhaltige Einkaufslösung zu schaffen.

Was ist der Vorteil, wenn man unverpackt einkauft und worauf sollte man achten, wenn man darüber noch nicht so viel weiß?

Also, der offensichtliche Vorteil ist klar: kein Plastik. Ein anderer Vorteil ist, dass du genau so viel einkaufen kannst, wie du brauchst. Sonst kauft man oft alles in riesigen Packungen und merkt dann, dass man eigentlich gar nicht so viel benötigt. Man kann also exakt so viel einkaufen, wie man will. Auch halten Sachen die Sachen länger, bei Kosmetik zum Beispiel. Meine Haarseife etwa hält mir ein halbes Jahr. Das ist bei abgepacktem Shampoo anders. Und so weißt du auch genau was in den Sachen steckt. Ein weiterer Vorteil ist, dass man ganz anders mit Produkten umgeht und dein Konsum viel bewusster ist. Du weißt genau, wie viel du eingekauft hast und was du noch zu Hause hast.

Ihr habt auch einen Online Shop. Wie klappt das ohne Verpackung? Wie kann man sich einen Einkauf bei euch vorstellen?

Das Plastik kann man gut weglassen. Wir mussten natürlich am Anfang Lieferanten finden, da muss man erst mal suchen. Leute haben sich dann aber auch an uns angepasst, das war sehr schön zu sehen. Damit wir Dinge verschicken können, können wir, nicht komplett ohne Verpackung verschicken, klar. Das geht bei vielen Einzelteilen einfach nicht. Dafür brauchen wir nur Second Hand Verpackung. Alle unsere Kartons haben wir bereits bekommen und verwenden diese wieder und wollen die Leute auch motivieren, unsere Kartons nochmals zu verwenden, denn das halten sie auf jeden Fall aus. Und eigentlich verwenden wir zudem kein oder kaum Stopfmaterial, das wenn dann Second Hand ist. Wir verwenden auch nachhaltigen, grünen Versand. Somit ist der Online Shop nicht komplett verpackungsfrei, aber so nachhaltig wie möglich.

Hinterfragen! Muss ich das wirklich haben, brauche ich das wirklich, kann ich das nicht vielleicht selbst machen oder kann ich das reparieren? Sich einfach mal bevor man sich etwas kauft überlegen: Hey, Moment mal, muss ich das jetzt wirklich so kaufen oder geht’s auch anders?

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Was sind deine Tipps für einen umweltbewussteren Alltag?

Ich würde sagen: ein Aufruf zu Kreativität und selber machen. Hinterfragen! Muss ich das wirklich haben, brauche ich das wirklich, kann ich das nicht vielleicht selbst machen oder kann ich das reparieren? Sich einfach mal bevor man sich etwas kauft überlegen: Hey, Moment mal, muss ich das jetzt wirklich so kaufen oder geht’s auch anders?

Glaubst du, dass unverpackt einzukaufen die Zukunft ist?

Ja, ich hoffe es! Das werde ich sogar richtig oft gefragt. Ich denke, es wird auf jeden Fall noch etwas dauern, bis es die Zukunft ist. Aber unser Konzept wird ja richtig oft übernommen: es gibt mittlerweile über 80 Unverpacktläden in Deutschland. Und ich denke und hoffe, dass die großen Discounter das irgendwann auch übernehmen werden. Es gibt mittlerweile in manchen Bioläden schon Ecken zum selbst abfüllen und unverpackt einkaufen. Es wird also auf jeden Fall noch etwas dauern aber ja, irgendwann schon.

Ist unverpacktes Einkaufen teuer? Wie siehst euch das im Verhältnis zu Bioläden und Discountern?

Wir vergleichen uns nur mit Bioläden, mit Discountern können wir uns nicht vergleichen. Weil wir zum einen nicht die gleichen Möglichkeiten haben und zum anderen ist uns die Qualität unserer Produkte auch sehr wichtig. Denn wir finden, wenn man sich mit bewusstem Konsum auseinandersetzt, dann setzt man sich auch mit Produktqualität auseinander. Bio ist eben einfach nachhaltiger, als nicht bio. Und wenn man uns mit einem Bioladen vergleicht, dann sind wir nicht teurer.

Was sagst du dazu, wenn Leute behaupten, die Produkte wurden bei euch auch nur ausgepackt und unter dem Label „unverpackt“ weiter verkauft?

Das stimmt nicht so ganz -wir haben viele Dinge, die in Großgewinden kommen: das sind 5-25 Kilogramm, also z.B. eine 25 Kilo Papiertüte mit Nudeln. Das ist natürlich etwas ganz anderes, als 250 Gramm einzeln verpackte Nudeln. Wenn du das am Ende betrachtest, ergibt das natürlich viel weniger Abfall. Dann sind Produkte oft auch in Papier verpackt, was sich doch noch einfacher recyceln lässt. Wir haben einige Produkte, bei denen wir die Verpackung retournieren können, bei unserem Kaffee zum Beispiel. Das wäre dann komplett Zero Waste. Wir nehmen also nicht einfach 100 Packungen und leeren diese um, unsere Produkte sind viel größer verpackt und zum größten Teil nicht in Plastik.

Hast du einen Wunsch oder ein Vorhaben für 2019?

Gute Frage! Wir wollen und wünschen uns, dass es bald überall noch mehr Unverpacktläden gibt, vor allem auch auf dem Land.

Berlin, 22.02.2018. Vielen Dank an Ria für das Interview!

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Meine Erfahrungen

Mit Unverpacktläden sind noch recht jung - zum ersten Mal in dieser Art von Supermarkt war ich Anfang letzten Jahres. Ich wollte diesen Artikel für euch schreiben, um euch mehr an den Dingen teilhaben zu lassen, die mir wichtig sind. Seit ich denken kann, erinnere ich mich daran, dass wir, als ich klein war, eigene Tragebeutel mit zum Einkaufen gebracht und unser Obst und Gemüse lose gekauft haben. Wie viel Müll man eigentlich produzieren kann, ist mir erst bewusst geworden, als ich von zu Hause ausgezogen war und ganz besonders während meines Au Pair Jahres in des USA. Tatsächlich dachte ich immer, dass ich gar nicht so viel Plastikabfall produziere, bis ich mal genauer hingeguckt habe. Insbesondere Tetrapacks für Pflanzenmilch, Plastikschalen mit Beeren, Pilzen und co. Und Kosmetika gehör(t)en zu meinen “Sünden” (in Anführungszeichen, weil mir klar ist, dass kein Mensch perfekt ist und ich mich unter keine Dogmata stellen möchte), bei denen mir nie so bewusst war, wie viel Müll das eigentlich ist.

Ich kaufe nicht alles unverpackt. Ich kaufe nicht alles im Bioladen, aber so viel wie möglich. Jedoch: wenn meine Nüsse, Kakaonibs, Mehl, Gewürze, Hefeflocken, Reis, Nudeln etc. Leer sind, dann gehe ich nicht zum Discounter nebenan, um schnell Nachschub zu holen. Ich warte eher ein bisschen ab und gehe dann mit meinen Behältern circa alle 2-3 Wochen zu „Der Sache Wegen“ im Prenzlauer Berg. Da ich kein Auto habe, ist mir der Weg öfter etwas zu mühsam und die Glasbehälter oft zu schwer. Somit wird der Einkauf besser geplant und ich gehe, wie Ria im Interview schon bemerkt hat, viel bewusster mit meinen Lebensmitteln um. Bei mir wird eigentlich nie etwas schlecht, sodass ich es wegwerfen müsste und wer meine Küche schon einmal gesehen hat, der weiß: ich horte keine Lebensmittel und kaufe nichts ein, das ich letztendlich doch nicht mag.

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Die Sache mit dem Geld

… dass sich das nicht jede/r bio leisten kann und dass ich mich sehr glücklich schätze, ist mit bewusst. Als ich vor 4,5 Jahren nach Berlin zog, habe ich jeden Cent drei Mal umgedreht, öfter mal die Miete nur knapp zahlen können und habe doch auch hier versucht, so viel Bio und unverpackt wie möglich zu kaufen:

  • Angebote in Bioläden gecheckt und geguckt, ob ich mir das diesen Monat leisten kann. Falls ja, habe ich zugeschlagen.

  • Wochenmärkte! Hier wird einem Obst und Gemüse oft regelrecht hinterhergeworfen (z.B. auf dem Markt am Maybachufer, Dienstag und Freitag gegen 18 Uhr hinzugehen lohnt sich!)

  • Mir war immer klar: Angebot bestimmt die Nachfrage, auch im Discounter. Und dann lasse ich die in 3 Schalen und Folien eingepackten Maracuja aus Madagaskar eben liegen und kaufe stattdessen lose Orangen und Äpfel aus Deutschland, kaufe Möhren lose und nicht tiefgefroren in der Plastiktüte.

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Dass ich die Möglichkeit habe, in einer Stadt wie Berlin zu leben, in der unverpackt einkaufen Trend für viele Menschen ist, sehe ich nicht als selbstverständlich. Für mich ist Geld für etwas haben oder nicht haben jedoch auch oft ein Setzen von Prioritäten: ich trinke wenig Alkohol, rauche nicht, gebe kein Geld für teure Klamotten oder Schmuck aus, kaufe viel Second Hand und kein teures Make-Up. Mein Geld gebe ich hauptsächlich für Essen, Freizeitaktivitäten wie Pole Dance oder Festivals und Reisen aus.

Einige weitere Adressen

Die ich euch an’s Herz legen kann, wenn ihr eure Vorratskammer ohne unnötigen Verpackungsmüll auffüllen wollt, sind zum einen die Veganz-Stores, Bio Copany und „Der Sache Wegen“. So viel zu Berlin - in Deutschland gibt es jedoch noch mehr als 80 weitere Unverpacktläden. Guckt doch mal nach, ob es eventuell einen bei euch gibt. (ich hab euch mal die Suchmaschine abgenommen und hier eine relativ aktuelle Übersicht gefunden).

LETZTENDLICH …

Hoffe ich, dieser Artikel hat euch mal einen etwas anderen Einblick gegeben. Auf Verpackungsmüll zu verzichten und diesen zu reduzieren ist etwas, was mich schon lange beschäftigt und daher wollte ich das Thema in den Blog eingliedern. Es nicht so schwer, wie es im ersten Moment klingt. Niemand ist perfekt und auch ich bin noch lange nicht bei Zero Waste angelangt, aber die kleinen Schritte, die sich bei mir getan haben, sind mir weder schwer gefallen, noch habe ich das Gefühl, mich mit Dogma zu knechten. Niemand ist perfekt, aber es ist in meinen Augen an der Zeit, meine Reichweite für Themen zu nutzen, die etwas mehr Inhalt bieten. Und da wir uns alle diesen einen Planeten teilen, betreffen sie uns auch alle.

BATHROOM STORIES - VEGANE BIO KOSMETIKA & CO.

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WAS ICH AN SECOND HAND FASHION LIEBE

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