WHAT DO I STUDY?

WHAT DO I STUDY?

English version below

“Was studierst du?” - Das ist diese eine Frage, die ihr mir immer wieder stellt. Ich studiere Kultur und Technik mit Schwerpunkt Philosophie an der Technischen Universität Berlin. Und unter dieser Antwort kann man entweder nur diesen einen Satz verstehen, oder auch … so viel mehr.

Ein kleiner Rückblick

Nach meinem Abi und Auslandsjahr in den USA, wo ich 12 Monate mit einer Familie gelebt und als Au Pair gearbeitet habe, kam ich zurück nach Hause: im recht konservativen Bayern, und besonders in meiner kleinen Heimatstadt, fiel mir sehr schnell die Decke auf den Kopf. Also fuhr ich zwei Wochen nachdem das Flugzeit aus Baltimore in München gelandet war nach Berlin, um Freunde zu besuchen und um mich nach Wohnungen umzusehen. Mein erstes Zimmer in einer WG in Neukölln konnte ich bereits zwei Wochen später beziehen und war auch nicht traurig, als ich meiner Heimat Bayern den Rücken zukehrte.

In Berlin angekommen, hatte ich erst mal keinen Plan von nichts. Ich war 19 Jahre jung und hatte mich während einer Reise nach New Orleans angetrunken und eher im Spaß, weil die Frist eben bald abgelaufen war, für ein Studium in Kommunikationswissenschaften und Europäischen Medien in Potsdam beworben, wurde jedoch für ein Fach nicht genommen und stand erst mal ohne Studienplatz da. Kein Problem, dachte ich, und kellnerte für ein paar Wochen in einem (sehr, sehr shady) Café Nähe Sonnenallee. Darauf folgte innerhalb eines halben Jahres ein Minijob im Supermarkt, eine neue WG, Einzelhandel in einem Geschäft für italienische Bademode und Strümpfe, noch ein Umzug, ein Monat alleine reisen in Thailand, mein 20. Geburtstag und schließlich das Go für ein duales Studium:
Fitnessökonomie. Das ging circa ein halbes Jahr ganz gut, aber die Studieninhalte langweilten mich ohne Ende, ich konnte mir mit meinem Ausbildungsgehalt von 300€ nicht einmal die Miete leisten, geschweige denn ein Monatsticket, fuhr überall mit meinem alten klapprigen Fahrrad hin, war permanent pleite, nahm ziemlich viel ab und hatte neben 35h Arbeit / Woche plus Uni keine Freizeit. Irgendwas musste sich ändern, also kündigte ich und begann einen neuen Job: ein “Praktikum” im Social Media Bereich für ein Start-Up. Durch meinen eigenen Blog, meinen YouTube Kanal und meine Seite auf Instagram, um die ich mich nebenbei seit meiner Zeit in den USA immer gekümmert hatte, hatte ich ein wenig Erfahrung in der Branche gesammelt. Also kümmerte ich mich in dem Start-Up um Kooperationen mit Bloggern, kreirte Rezepte, Fotos und Videos, plante Events und Goodiebags und lernte viel Neues dazu.

Nach einem halben Jahr war ich körperlich und psychisch erschöpft: ich schlief nicht mehr, ich hatte Angst vor der Arbeit, wieder keine Freizeit, konnte nicht mehr kreativ sein, ich schloss meinen YouTube Kanal, nachdem ich den gesamten Dezember über völlig ausgebrannt täglich Videos hochgeladen hatte, und machte dicht. “Das reicht jetzt”, dachte ich mir.

Darauf folgte ein sehr, sehr schöner Sommer. Ich war so frei, wie noch nie. Meine erste große Kampagne, die ich als Bloggerin umsetzen durfte, folgte - daraufhin kamen immer mehr Aufträge, mehr Erlebnisse und Reisen, neue Menschen. Es folgten Festivals und lange Sommernächte, Raves, Kooperationen und zum vielleicht ersten Mal seit meinem Umzug nach Berlin, verliebte ich mich … nicht nur in die Stadt. Ich wollte wieder studieren, diesmal aber so richtig, mit Uniparties und Mensa und Vorlesungen, Semesterfieren und neuen KommilitonInnen. Zwei Leute in meinem Bekanntenkreis erzählten mir ab und zu von ihrem Studium an der TU: Kultur und Technik, Schwerpunkt Philosophie.
Da ich in der Schule schon immer Ethik mochte und das (kein Witz) als Voraussetzung nahm, auch das Studium meistern zu können, dachte ich mir: “Cool, klingt gut”, und schrieb mich ein - ohne jemals vorzuhaben, einen Abschluss an dieser Uni anzustreben. Außerdem wohnte ich damals nur 10 Minuten Fußweg entfernt. Ja, das waren meine Argumente für das Studium …

Das erste Semester lief an und ich flog erst mal für einen Job nach Los Angeles. Die Einführungswoche verpasste ich komplett, hatte somit auch keine Ahnung von Anmeldefristen und Modullaufzetteln. Daraufhin folgte mein erster Herzschmerz, der mich ein paar Wochen komplett aus dem Leben riss und dazu führte, dass ich kurzerhand nach Hamburg und Lissabon abhaute, um dort vor meinen Gefühlen wegzulaufen, diese in Gn & Tonics zu ertränken und eben auch die ersten Uniwochen und Bekanntschaften zu verpassen. Im ersten Semester besuchte ich nur die Kurse, von denen ich gehört hatte, dass man sie zu Beginn des Studiums mal abchecken sollte und alles, was mich eben sonst so interessierte.
Das waren: Einführung in die Philosophie, Grundkurs Philosophie, Einführung in die Gender Studies und Interdisziplinäre Studien, sprich Kultur und Technik, wozu auch Sprache und Kommunikation, Kunstwissenschaften, Technikgeschichte und mittlerweile auch Bildungswissenschaften gehört.

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Spulen wir den Film vor meinem inneren Auge ein Stück vor und plötzlich ist es der 28. März 2019. Ich bin in meinem 6. Semester angekommen und kann euch mittlerweile etwas mehr Einblick in meinen Studiengang geben. Dass man “Ethik schon immer mochte” würde ich jetzt mit Sicherheit nicht mehr als Grund wählen, um dieses Studium wieder zu beginnen. Um ganz ehrlich zu sein, kann ich gar nicht genau sagen, ob ich mich überhaupt wieder für den Studiengang entscheiden würde.

Das Gute daran war und ist, dass mir extrem viel Freiheit gelassen wird. Es gibt keinen vorgegebenen Stundenplan und wenn man in einem Semester nur 10 ECTS mitnimmt, interessiert das niemand. Genau das hat mir immer erlaubt, viel zu arbeiten und zu reisen und eher so nebenbei zur Uni zu gehen. Und genau das ist auch der Grund, weshalb ich mir neben Leuten, die Vollzeit studieren und zusammen mit mir gestartet sind, oft mehr als hinterher vorkomme. Und auch dass ich mindestens zwei Semester über der Regelstudienzeit sein werde, wenn ich denn mal meinen Bachelor in der Tasche haben sollte.

Das Studium ist folgendermaßen aufgebaut: 180 LP, davon 50 LP in Philosophie, 60 in interdisziplinären Studien, 30 in Berufsorientierung, 30 in freier Wahl und 10 für die Bachelorarbeit. Jedes Modul muss man vor erbrachter Leistung online anmelden. In Philosophie kann ein “volles” Modul z.B. sein: 1 Seminar mit kleiner Leistung (z.B. ein Referat), ein Seminar mit großer Leistung (Referat + Hausarbeit) und eine abgelegte Vorlesung -> 10LP. Am Ende des Semesters sucht man die ProfessorInnen auf, lässt sich die Leistung mit Stempel und Unterschrift auf einem Modullaufzettel bestätigen, wenn dann alles “voll” ist, geht man zum Modulbeauftragten, lässt nochmals alles absegnen und gibt den Zettel dann dem Prüfungsamt, welches die Note online einträgt. Welcome to technische Universität Berlin oder auch dem unfortschritlichsten System aller Zeiten.

Ich muss ganz ehrlich sein: mit 24 noch keinen Bachelor zu haben, dafür habe ich mich sehr oft geschämt und habe jetzt noch oft das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu wollen. Die TU und ich, das ist keine Liebesgeschichte. Wenn man Philosophie studiert, dann weil man es von ganzem Herzen möchte, weil es einen selbst begeistert und man sich auch privat viel damit auseinandersetzt. Während meine KommilitonInnen an einem Wochenende Kant lesen, arbeite ich irgendwo auf einem Festival oder lese lieber Poesie, beschäftige mich mit Politik oder bastele an meiner Website. Wenn man Philosophie studiert, dann nicht an der TU, sondern an der FU und HU, wo man auch als Externer Student Kurse belegen kann und das, meiner Meinung nach, auch sollte. Die Fakultät für Geisteswissenschaften bei uns ist so klein, dass wir kein eigenes Gebäude haben und sich auch niemand so richtig auskennt. Die interessanten Veranstaltungen finden meist nicht in Charlottenburg statt, sondern in Mitte und in Dahlem. Durch mein mangelndes Eigeninteresse komme ich mir in Vorlesungen - ganz ehrlich - sehr oft sehr dumm vor. Während meiner Vorbereitung für Logik habe ich oft nach der VL geweint, weil ich überzeugt davon war, die Prüfung nicht zu bestehen (habe ich übrigens mit einer 4,0 Punktlandung, danke, nehme ich.)

Ich habe Hausarbeiten ohne Ende geschoben oder im Flieger / Zug / nachts während Pressereisen im Hotelzimmer geschrieben, weil ich diese unter dem Semester nicht schreiben kann und in den Semesterferien meist arbeite oder verreist bin und auch weil ich keine Deadlines von DozentInnen bekam, ich kann mir ja “Zeit lassen, es eilt nicht”. Irgendwie schön, für jemand wie mich, die dann eben lieber arbeitet, auch problematisch. Es gibt quasi keine Klausuren. Die einzige, die Pflicht ist, ist Logik und das ist nicht ohne. Ihr erinnert euch: 1 Modul beinhaltet neben einigen anderen Leistungen mindestens eine große Hausarbeit und das bringt 10 LP. Das ist 1/18 des Bachelors. Ciao.

Zu den Inhalten:
Unsere Philosophie-Module beinhalten fünf Bereiche:

- Einführung in die Philosphie
- Argumentationstheorie
- Philosophie der Sprache, der Kognition und des Geistes
- Handlungsphilosophie und Ethik
- Geschichte der Philosophie

Die Veranstaltungen können ganz unterschiedlich gewählt werden, manche sind aber Pflicht und wiederholen sich jedes Semester, so wie Argumentationstheorie, Einführung in die Philosophie, eine Vorlesung zur Ethik und 1 x im Jahr auch Logik. Theoretische Philosophie und Erkenntnistheorie ist nicht so meins, Ethik, wie ich ja schon in der 10. Klasse zu wissen meinte, schon eher. ;)
Was IS (interdisziplinäre Studien) betrifft, habe ich mir hier Geschlechterstudien, Antisemitismusforschung und Chinastudien herausgepickt. Die Auswahl ist recht groß und zum Großteil auch wirklich interessant, beinhaltet viele Projekte, Gruppenarbeiten, fördert eigenes Denken und Organisation. Ich sage mal so: wenn ich nur Philosophie studieren würde, wo sich alle ständig über Theorien und Religionen streiten, was es in meinen Augen zu einem recht “einsamen” Studiengang macht, hätte ich vermutlich schon lange geschmissen.

Long Story short: informiert euch gut, bevor ihr ein Studium anfangt. Sprecht mit mehr als zwei Personen, besucht Vorlesungen und wählt die Uni nicht nach Stadtlage aus, so wie ich (ja, ehrlich). Ich bin jetzt im 6. Semester und werde mich ordentlich reinhängen, um mit dem Studium bald fertig zu sein. Was es mir in den letzten drei Jahren gebracht hat? Nicht nur meine Freiheit, neben dem Studium arbeiten zu können. Ich musste mich auch gezwungenermaßen mit Themen beschäftigen, mit dem sich der bequeme Kopf so nicht einfach mal beschäftigt: Was bedeutet Schmerz? Was ist ein Argument? Wie argumentiere ich logisch? Wo treten ethische Probleme bei künstlicher Intelligenz auf?

… wenn ich so darüber nachdenke, mag ich die Themen meines Studiums extrem gerne. Es sind Bereiche, die mit Sicherheit das eigene Denkvermögen fordern und fördern. Nur für die Uni, die veraltete Bürokratie und die teilweise nicht sehr motivierten Lehrbeauftragten, für die würde ich mich im Nachhinein nicht wieder entscheiden. Und eine Sache habe ich noch gar nicht behandelt:

Die Berufschancen. Ach, richtig. Wie schon gesagt, hatte ich nie ernsthaft vor, einen Abschluss in diesem Studium anzustreben. Jetzt bin ich so weit und musste mich gezwungenermaßen öfter mal mit dem Gedanken auseinandersetzen, was ich denn danach machen möchte. Ich bin 24 und … weiß das immer noch nicht so genau. Ich bete, denke, hoffe, dass ich mit meiner Arbeitserfahrung und meinem Abschluss plus Praktika, die ich gerne noch in unterschiedlichen Menschenrechtsorganisationen absolvieren möchte, die Chancen nicht zu schlecht stehen. Ich setze ein bisschen auf persönliche Kontakte, Arbeit im Marketing, im Kreativbereich, vielleicht mache ich auch noch eine Ausbildung zur Grafikdesignerin (das schwebt mir zumindest momentan vor).

Wenn du Geisteswissenschaften studierst, dann sehr selten, weil du mit dem Abschluss einer ganz bestimmten Karriere hinterherläufst. Sondern weil es dich bildet, dich prägt und deinem späteren Arbeitgeber beweist, dass du Herausforderungen bewältigen kannst und gut organisiert bist. Die Zeit des Studiums bildet dich nicht nur im Kopf sondern lässt dich auch als Mensch reifen und das ist es, was ich mittlerweile ganz gut für mich erkannt habe.

Viel Geld zu verdienen war irgendwie noch nie sehr weit oben auf meiner Liste. Durch meine zwei close-to-burnout-Erfahrungen habe ich sehr schnell begriffen, dass mich meine Karriere nicht so glücklich machen wird, wie der Sinn hinter meiner Arbeit, meine Freizeit, das Reisen, meine persönlichen Beziehungen und vor allem die Beziehung mit mir selbst. Mein Fazit nach dem 5. Semester Philosophie? Nicht alles kommt so, wie man es plant und deswegen mache ich mir - zum Glück - gerade auch keinen Stress um die Zukunft. :)

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what do you study? this is a question I get over and over again. I could easily say that I study cultural science and philosophy, and could leave it at that answer. But that wouldn’t do my thoughts of university any justice, really. when I was 19 years old, I had just come back from my year abroad in the United States where I worked for an au pair after school. I cam back to Bavaria and very soon had enough of this rather conservative, small home town. so after only being back for a few weeks, I moved to Berlin. I didn’t get a spot in the uni I wanted straight away (which would have been European media and communication) and was left with a bit of time left until the next semester. So I started to waitress in a quite dodgy café, found a new flat, worked in a supermarket, in a swimsuit stores, moved place again, traveled to Thailand by myself for one month and eventually ended up studying fitness economics.

After half a year of uni + 35 hours work / week and close to a mini burnout I quit, very happy about now having to go to the boring economy lectures anymore and finally having a bit of free time. Quitting was followed by may first jobs as a blogger and influencer, travels, new people and opportunities, internships, lots of work and an amazing summer in Berlin. By October I had enrolled in uni again and picked cultural science and philosophy, because … well, two of my friends studied it and quite liked it. Also, university was a 10 minute walk from my flat, to be honest.

The first semester started and I already missed the introduction week as I went to Los Angeles for a job. I didn’t really take the first semester very serious, was gone all the time, visited the mandatory lectures only and didn’t plan on ever striving for a degree, really.

Fast forward: its the end of march 2019 and I’ve just finished my 5th semester. The advantage of my uni is definitely that I have a lot (!) of freedom regarding ECTs and how much uni I want to do. there are no strict plans on what to do when and nobody really cares if you have your shit together or not. but that’s also the thing: I was always better at working lots, than doing lots for uni and if there’s no deadlines or pressure, I might as well do little to zero for uni.

Also I have to add that if you want to study something like philosophy , you usually don’t end up at technical university but rather at Humboldt or Frei Universität Berlin. Our faculty is so small, we don’t even have our own building. Running after marks is quite hard and exhausting, professors aren’t as motivated to help you and if you don’t look after yourself, nobody will. The system is quite old, you have to collect signatures in order to complete subjects and just in general, everything takes veeeeeery long.

Since I’ve already come so far and I especially like the subjects that aren’t philosophy - I love ethics but can’r really deal with theoretical philosophy and epistemology - I’m definitely going to try finish my degree, even if that will still take a year and a half. I’m 24 years old and still not having a degree is something I’ve beaten myself up for a lot of times already. Seeing people who started with me graduate is depressing. But then I also mustn’t forget, that I’ve always worked and traveled heaps on the side, while others might have studied full time. I guess, it’s ok.

Due to all the work experience I’ve gained, I’m quite confident, that with this, in addition to a degree, I should be able to get a job later. I also still want to do more internships, especially in human rights organizations, or I’ll do another degree in graphic design … we will see.

Money has, luckily, never been a big deal for me. No matter how broke or poor I was, this has never affected my happiness and I’m just quite positive that everything will work out in the end. Studying philosophy isn’t something that guarantees you a job later, but rather something that teaches you things for life and even if it’s not the university I would choose again, I’m happy and grateful for the decision my very young and naive self made 2,5 years ago.

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